Macchiavelli (2017)

Öl auf Leinwand

60 x 42 cm

Serie: Persons of Daily Interest

Niccolò Machiavelli schrieb Il Principe als Arbeitsloser.

1513, nach dem Sturz der Florentiner Republik und der Rückkehr der Medici, verlor Machiavelli seinen Posten als Sekretär der Zweiten Kanzlei, wurde der Verschwörung verdächtigt, verhaftet und mit dem strappado gefoltert — sechs Mal an den Schultern aufgehängt, bis die Gelenke nachgaben. Die Medici ließen ihn laufen, aber nicht zurück in die Politik. Er zog sich auf sein Landgut in Sant’Andrea in Percussina zurück, wo er tagsüber Holz schlug und abends in seiner Studierstube die Antike befragte.

Il Principe entstand dort. Ein Traktat, gewidmet Lorenzo de‘ Medici — dem Enkel, nicht dem Großen —, mit einer Widmung, die um Aufmerksamkeit bettelt. Machiavelli bot an, was er hatte: Analyse. Dafür wollte er etwas Konkretes: einen Posten, eine Rückkehr in den Apparat. Lorenzo las das Buch vermutlich nie. Machiavelli bekam den Job nicht. Er starb 1527 in relativer Armut, wenige Wochen nach dem erneuten Sturz der Medici — der Republik, für die er gearbeitet hatte, überlebte er um genau vierzehn Jahre.

Was danach passierte, ist Gegenstand dieses Gemäldes.

Die Nachwelt trennte den Text vom Körper. Aus dem Bewerbungsschreiben eines gefolterten Beamten wurde ein Handbuch der Herrschaft. Managementseminare zitieren Machiavelli als Vordenker strategischer Führung. Geopolitische Think Tanks behandeln Il Principe als zeitlose Blaupause. Die Verzweiflung, die den Text antrieb, verschwindet aus der Rezeption, weil sie die Verwertbarkeit stört. Wer Machiavelli als eiskalten Analytiker der Macht präsentiert, unterschlägt, dass er von dieser Macht zerrieben wurde.

Das Porträt zeigt, was die Überlieferung löscht: ein schmales Gesicht, das beobachtet, aber nicht beherrscht. Im Hintergrund die Nägel des Familienwappens der Machiavelli — male clavelli, die schlechten Nägel —, die gleichzeitig Herkunftszeichen und Folterinstrument sind. Ein Mensch, der den Mechanismus von Macht beschrieb, weil er unter ihm litt, und weil er seinen Weg in diesem System suchte.

Das Verfahren, das Machiavellis Biografie widerfahren ist, ist industriell skaliert. Konkrete Menschen mit konkreten Verletzungen und konkretem Eigeninteresse werden nachträglich zu Legitimierungsmaschinen umgeschrieben — zu zeitlosen Autoritäten, die gegenwärtige Machtstrukturen historisch absichern. Die eigentliche Biografie wird dabei verdunkelt. Was bleibt, ist ein Name und eine These, losgelöst von den Umständen, die beide hervorgebracht haben.