Voices of the Unseen
Künstlerische Forschung zu Marginalisierung, Resilienz und kreativem Widerstand. 13 internationale Künstlerinnen. Ein kollektives Videowerk. Im Auftrag des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Voices of the Unseen – Kunst, Marginalisierung und politischer Widerstand im sozioökonomischen Kontext
Im Herbst 2023 initiierte ich den Salon de Refusées im krautART ARTspace Berlin – eine Ausstellung für Künstlerinnen, die von jurierten Wettbewerben, Kunstpreisen und Residencies abgelehnt worden waren. 47 Positionen aus 17 Ländern. Die Resonanz – insbesondere über Instagram – war unerwartet und eindeutig: Es ging nicht um individuelle Ablehnung, sondern um systemische Unsichtbarkeit.
Aus diesem Befund entstand der Auftrag. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Forschungsinitiative LIGHT am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), beauftragte mich mit einem zweiphasigen künstlerischen Forschungsprojekt.


Phase I: Qualitative Forschung
Ich entwickelte einen umfassenden Fragenkatalog zu Biografie, Arbeitsbedingungen, politischer Haltung, Geschlechtererfahrung und künstlerischer Praxis. 13 Künstlerinnen aus dem Netzwerk des Salon de Refusées nahmen teil – aus China, Deutschland, Ghana, Indien/Malaysia, Mexiko, Moldawien/Spanien, Katar/Norwegen, Russland, Singapur, Taiwan/Schweiz, der Ukraine und den USA.
Die anonymisierten Rückläufe zeigten trotz aller geografischen, kulturellen und sozialen Unterschiede konvergierende Muster: Prekarität, institutionelle Ausschlüsse, geschlechtsspezifische Gewalt, Exil – aber auch Resilienz, poetischer Ausdruck und politische Wucht.
Phase II: Kollektive Komposition
Auf Basis der Forschungsergebnisse und gemeinsamer Ideenfindung über Mural-Boards, geteilte Laufwerke und asynchronen Austausch entstand ein kollektives Videowerk. Jede Künstlerin steuerte selbstproduziertes Material bei – Videoperformance, gesprochenes Wort, Atelierdokumentation, Fotografie, digitale Arbeiten, poetische Montagen.
Aus diesen Fragmenten montierte ich ein 25-minütiges experimentelles Video – eine polyphone, emotional dichte Erzählung, strukturiert in drei thematische Kapitel:
SPACE – Atelier, Rückzugsort, utopischer Raum. Die Frage nach Freiräumen in einer Welt, die sie systematisch nachverdichtet.
ROOTS – Herkunft, Migration, Entwurzelung. Die Suche nach Verankerung, wenn die politische Landschaft sich verschiebt.
BODY – Der weibliche Körper als Schlachtfeld und als Instrument. Verletzlichkeit, Kraft, politische Dimension in nach wie vor patriarchalisch geprägten Kontexten.
Das Video arbeitet mit mehrsprachigen Voiceovers (Englisch, Spanisch, Mandarin, Russisch, Deutsch), englischen Untertiteln, KI-generierten Klanglandschaften und einem rhythmischen Schnitt, der Verdichtung über Erklärung stellt.
Methode
Mein sozialwissenschaftlicher Hintergrund – Studium der Sozialwissenschaften, Berufserfahrung in der Sozialen Arbeit und im technischen Projektmanagement – bildet die methodische Basis. Die Fragebögen folgten qualitativer Sozialforschung. Die Montage folgt künstlerischer Logik. Das Ergebnis ist eine fragmentarische, subjektive, und polyphone Erkenntnisform – und gerade deshalb in der Lage, Wahrheiten zu erfassen, die sich quantitativer Erhebung entziehen.
Beteiligte Künstlerinnen
Eva Alvor (Ukraine) · Laura Aranda (Mexiko) · Nadja Asghar (Katar/Norwegen) · Zarahlena (Mexiko/Spanien) · Natasha Lelenco (Moldawien/Spanien) · Anastasia Lukomskaya (Russland/Deutschland) · Visithra Manikam (Indien/Malaysia) · Sara Owusu-Ansah (Ghana) · Gina Peyran Tan (Singapur) · Giselle Rosenthal (USA) · Xiayi Su (Taiwan/Schweiz) · Jo Tiffe (Deutschland) · Igigo Wu (Taiwan/Schweiz)
Auftraggeber
Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Forschungsinitiative LIGHT, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Premiere: 13. Juni 2025, YouTube
Projektleitung, Schnitt, Kuration: cornelia es said